Wort zur Woche

Alternative Fakten

Nun steht es also fest, das Unwort des Jahres 2017: „Alternative Fakten“. Die unabhängige Jury mit Sitz in Darmstadt, die den Begriff ausgewählt hat, bezeichnet alternative Fakten als "verschleiernden und irreführenden Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen". Der Ausdruck geht ursprünglich auf eine Beraterin von Donald Trump zurück, die behauptet hatte, zur Amtseinführung des US-Präsidenten Anfang 2017 seien so viele Feiernde auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit. "Der Ausdruck“, so die Jury weiterhin, „sei seitdem aber auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem auch in den sozialen Medien, geworden". Er stehe "für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen".

„Alternative Fakten“ sind letztlich also Lügen, die so lange und so selbstbewusst vorgetragen werden, bis sie entweder irgendwann für wahr gehalten werden oder der Widerstand gegen sie aufgegeben wird. Nicht nur in der großen Politik, vor allem auch auf den Plattformen der sozialen Medien hat sich mittlerweile eine Kultur des Austauschs breit gemacht, die von Lügen, Halbwahrheiten, Unwissen und immer öfter unverhohlenem Hass geprägt sind. Die Anonymität des Netzes scheint in vielen Menschen das Niedrigste hervorzubringen. Dreist werden frei erfundene Behauptungen als Wahrheit präsentiert, eben als „alternative Fakten“.

Im Netz habe sich „eine mediale Parallelgesellschaft etabliert, in der »auf Teufel komm raus« diffamiert, gehetzt, gelobt und geworben werde“, so Gabor Steingart, Herausgeber der Zeitung »Handelsblatt«, bei einem Vortrag im Bistum Münster.

Aus christlicher Sicht – und ganz gewiss nicht nur aus dieser! – ist diese Entwicklung mit größter Sorge zu beobachten. Schon vor 2000 Jahren hat Paulus, der unermüdliche Missionar, davor gewarnt, alles für bare Münze zu nehmen, was einem zu Ohren komme. „Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt!“ (1. Thessalonicher 5, 21+22). Ein guter Rat, der in Zeiten von alternativen Fakten und „Fake News“ mehr als angebracht ist.

Dabei arbeitet die Bibel selbst mit alternativen Fakten. Aber mit Fakten gänzlich anderer Art! Die Bibel – und somit der christliche Glaube – setzt den Tatsachen und Spielregeln dieser Welt in der Tat „alternative Fakten“ entgegen: gegen die Mutlosigkeit und Resignation vor den vermeintlich unabänderlichen Zuständen baut der Glaube auf die verändernde Kraft der Liebe; gegen den weltweiten Trend des Isolationismus, Nationalismus und Protektionismus setzt der Glaube auf Verständnis, Versöhnung und Dialog; gegen die Macht der Lügen, Falschbehauptungen und „Fake News“ vertraut der Glaube auf die Kraft der Wahrheit. Der angeblichen Überlegenheit des Stärkeren stellt der Glaube die Macht Gottes entgegen, die „in den Schwachen mächtig ist“. Und angesichts der Übermacht des Todes und seiner Erscheinungsformen baut der Glaube auf das Leben.

Gläubige Menschen haben also auch ihre „alternativen Fakten“. Aber sie speisen sich aus der Liebe, nicht aus dem Hass. Sie verpflichten sich der Wahrheit, nicht der Lüge. In diesem Licht betrachtet, ist der Begriff „alternative Fakten“ kein Unwort, sondern ein höchst lebendiges Wort.  

Ulrich Büttner, Evangelische Martinskirche Gechingen