Wort zur Woche

Urlaubslust – Alltagsfrust!?

Vor einer Woche wandelte ich noch auf unserer Gemeindereise durch Israel auf den Spuren Jesu am See Genezareth, ließ mich vom Salzwasser des Toten Meeres tragen oder spürte die südländische Kraft der Sonne am Roten Meer. Ich genoss abends in unserem Hotel das leckere und reichhaltige Abendbüffet und dazu ein Maccabi-Bier.

Und dann das: Die Gemeindereise, der Urlaub ist von einem Tag zum anderen vorbei, der Alltag streckt mir seine fahle Hand entgegen und ich muss mich in meinen Arbeitsalltag wieder mühsam hineinarbeiten. Die erlebte Freiheit und die erfüllten Urlaubstage drohen daheim schnell zu verfliegen. Vor dem Schreibtisch werden die schönen Erlebnisse rasch verdrängt vom vollen E-Mail-Fach und einem Stapel von Rechnungen, Briefen und Paketen. Der Blick in den Kalender signalisiert außerdem, dass eine stattliche Anzahl von Treffen und Terminen anstehen. Wie sonst nie erlebe ich in diesen ersten Tagen nach meinem Urlaub, wie sehr mich der Alltag in Beschlag nimmt und wie sehr mein Leben von Arbeit, Verpflichtungen und Terminen eingefangen wird.

Leicht verwandelt sich dabei Urlaubslust in Alltagsfrust. Bilder wie Hamsterrad oder Tretmühle kommen mir in den Sinn. Ist das denn wirklich so, dass ich mich im Alltag darin befinde? Eigentlich kann mich in meinem Alltag vieles in Beschlag nehmen: Ich kann in meinem eigenen Leben gefangen sein, in meinem Beruf, in meinem Körper, in meinen Gedanken, in meinen Ängsten, in meinen Dunkelheiten, in meinen Krankheiten, in meinem Freundeskreis, in meinem Dorf, in meiner Kirche, in meinem Glauben … Also: Bin ich eigentlich ein Gefangener meines – selbst gewählten – Alltags?

Bei der Gemeindereise durch Israel sind wir nicht nur auf den Spuren Jesu, sondern auch auf den alttestamentlichen Spuren des Volkes Gottes gewandelt. Gott führte sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft in die Freiheit. Bei ihrem Marsch durch die Wüste bekamen die Israeliten die „Zehn Gebote der Freiheit“ in die Hand: „Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligst, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm.“ (5. Mose 5,12-15)

Nicht nur ich, sondern alle Menschen in meiner Familie, in unserer Gesellschaft, in der Weite der Schöpfung sollen in den freiheitlichen Genuss des Sonntags kommen. Das heißt doch: An jedem Sonntag darf ich mir frei nehmen!

An jedem Sonntag darf ich mir von meinen alltäglichen Gefangenschaften und von dem, was mich sonst in Beschlag nimmt, lösen und frei machen! Gott sei Dank: Morgen ist wieder ein Sonntag! Ich freu‘ mich drauf!

Martin Schoch, Pfarrer der ev. Kirchengemeinde in Althengstett