Das Wort zur Woche

„Wenn jeder an sich selber denkt …“

Mal angenommen, Sie reparieren gerade was. Es geht schwer, Sie sind einen Augenblick nicht voll konzentriert, und da fährt Ihnen der Schraubenzieher glatt durch die Hand. Vorne rein, auf dem Handrücken wieder raus. Sieht schlimm aus. Sie sind allein. Es ist Samstagmorgen. Niemand außer Ihnen ist zu Hause. Aber Ihr Nachbar ist vor dem Haus. Sie gehen hin, sagen: „Mir ist was passiert. Schau mal hin. Kannst du mich in die Notfall-Ambulanz fahren?“ Und er sagt kalt lächelnd: „Und was hab ich davon? Was krieg ich dafür?“

Sie wissen, so etwas gibt es nicht. Und wenn Sie auch immer wieder im Streit liegen mit ihrem Nachbarn, er wird sagen: „Klar, ich wasch mir nur kurz die Hände und sag Bescheid. Sitz schon mal ins Auto. Ich bring dir auch ein Glas Wasser. Du bist ja schon käsweiß.“

In dieser Woche waren in New York die Staatenlenker der ganzen Welt versammelt. Manche nutzten die große Bühne, um ihre Sicht des Zusammenlebens der Menschheit laut zu verkünden. Einer fasste es so zusammen: „Wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht.“ Was so einfach klingt, das ist jetzt also als Vorbild für das Zusammenleben der Menschheit gedacht. Aber wir wissen aus Erfahrung: So kann keine Gemeinschaft überleben.

Wenn jeder erst mal an sich selbst denkt und überlegt, wie er aus der Situation des Beste für sich herausholt, dann geht jede Gemeinschaft zugrunde. Das gilt für das Zusammenleben in der Familie. Das gilt für jeden Verein. Keine Feuerwehr, kein Rettungsdienst könnte funktionieren, wenn nicht jeder wüsste: Der neben mir hat auch mich im Blick. Er denkt nicht nur an sich selbst. Ich kann mich auf ihn verlassen.

Aber einer, der immer zuerst seine eigenen Interessen verfolgt, wird auf Dauer massive Ablehnung spüren. Die berechtigte Sorge wächst, dass so einer letztlich die Gemeinschaft zerstört. Wir haben eine große Tradition des Füreinander-Einstehens. Manches ist schon in Vergessenheit geraten, manches ist uns so selbstverständlich, dass uns gar nicht mehr bewusst ist, was für ein Segen es ist. Jeder Krankenpflegeverein, der in unseren Dörfern gegründet wurde, stärkte das Zusammenleben, weil alle miteinander dafür sorgten, dass auch der Ärmste gepflegt wurde. Und jeder, der seinen Beitrag bezahlte, wusste: Auch für mich ist gesorgt, wenn ich mal so übel dran bin wie jetzt meine Nachbarin.

Frühere Generationen haben Genossenschaften gegründet. „Einer für alle, Alle für einen“ war ihr Motto. Ganze Dörfer wären in Notzeiten zugrunde gegangen, wenn sie sich nicht auf dieses Füreinander-Einstehen verständigt hätten. Und unsere Sozialgesetzgebung: Bismarck war klug genug, dieses Werk gegen viele Widerstände in Angriff zu nehmen. Wer will es schlecht machen? Doch nur die, die in dem Wahn leben, sie seien nicht darauf angewiesen.

Diese Tradition des Füreinander-Einstehens hat sich sogar im Strafrecht niedergeschlagen. Unterlassene Hilfeleistung wird bestraft. Das Problem taucht neuerdings ja immer wieder auf, wenn bei einem Unfall einige meinen, sie müssten aus der schlimmen Situation etwas für sich rausholen: zumindest ein Foto von den Unfallopfern. Dass dabei die Rettungsgasse blockiert wird und der Notarzt nicht durchkommt – was soll’s? Es dauert ja nicht lange. Es ist gut und wichtig, dass Polizei und Gerichte das nicht ungestraft durchgehen lassen.

Wenn jetzt auf der Bühne der Welt mit großer Geste die Selbstsucht als das Allheilmittel der Menschheit und als Vorbild hingestellt wird, dann wissen wir: Wir haben bessere Erfahrungen. Wir wären nicht da, wo wir sind, wenn die vorherigen Generationen sich nicht immer wieder darauf verständigt hätten, dass das menschlich verständliche Selbstinteresse dort seine Grenze hat, wo der andere in Not ist.

Was uns neuerdings von immer mehr Staatenlenkern als Vorbild für das Zusammenleben angepriesen wird, ist längst überholt. Selbstliebe ist wichtig, ja. Jesus hat dieses An-sich-selbst-Denken“ und den Anderen im Blick haben ins rechte Verhältnis gesetzt. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, hat er schon gesagt. Und wer heute auf der Höhe der Zeit sein will, der achtet sich selbst, weil er weiß: Ich kann viel geben für das gedeihliche Miteinander. Mir geht nichts verloren dabei, sondern ich bekomme unglaublich viel – mehr und Wertvolleres, als alles, was ich mir selbst mit welchen Mitteln auch immer sichern könnte.

Pfarrer Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs; Referent beim Dekan in Calw