Wort zur Woche

Halbzeit

Es ist Halbzeit. Dieses Jahr 2018 ist zur Hälfte um. Seit Ende letzten Jahres ist die Sonne Tag für Tag höher gestiegen. Jetzt hat sie sich gewendet. Sie hat ein Feuerwerk des Wachstums hervorgerufen. Sie hat ein Meer an Grün um uns geschaffen und eine Farbenpracht aus Blüten gezaubert. Sie hat einen Segen an Früchten wachsen lassen wie seit längerem nicht mehr. Jetzt sind die Erdbeeren geerntet, die Kirschen eingemacht, die Jungvögel ausgeflogen.

Bald spüren wir, dass die Tage wieder kürzer werden. Die Zeit wird enger. Was ist aus den Plänen vom Jahresanfang geworden? Was ist mir aus dem Blick geraten? Was ist gelungen? Wie kann ich die verbleibende Zeit noch nützen – um vielleicht diesem Jahr noch die entscheidende Wende zu geben?

Es ist Halbzeit. Im Fußball hat die Halbzeitpause besondere Bedeutung. Ohne sie würde Entscheidendes fehlen. Ein Spiel über 90 Minuten am Stück würde womöglich viel an Spannung und Dramatik verlieren. Nicht nur aus Erschöpfung. Spieler und Trainer nützen die Halbzeitpause auch zu neuer Motivation und zu neuen Ideen, um den Spiel doch noch die entscheidende Wende zu geben. Damit die Fehler der ersten Hälfte sich nicht bis zum Schlusspfiff fortsetzen. Oder damit das Erreichte gehalten werden kann.

Manchmal gelingt es. Manchmal nicht. Auch die Zuschauer am Bildschirm zuhause brauchen die Halbzeitpause. Die Aufregung braucht Abfuhr. Die angestaute Spannung sucht Bewegung. Die Begeisterung oder auch die Enttäuschung muss sich Luft verschaffen, damit man wieder dranbleiben kann am Geschehen und wieder Energie hat, mitzufiebern. Halbzeit ist nötig.

In einem Menschenleben gibt es auch so etwas wie Halbzeit. Wir reden von der Mitte des Lebens. Nur weiß niemand so genau, wann die Mitte erreicht ist. Sie ist nicht auf die Minute genau festgelegt. Manche fühlen sich erst mit 60 wie in der Mitte des Lebens. Anderen wird mit 70 bewusst, dass sie in der Nachspielzeit angekommen sind, und staunen. Nie hätten sie gedacht, so lange leben zu können. Wieviel Schönes ist dadurch noch möglich geworden! Im menschlichen Leben gibt es keinen Schiedsrichter, der die Zeit im Blick hat und rechtzeitig zur Halbzeit pfeift. Wir sind darauf angewiesen, auf eigene Wahrnehmungen zu achten. Wir müssen selbst merken, wann es Zeit ist, innezuhalten, den Ball liegen zu lassen und vorübergehend vom Platz zu gehen.

Viele verstehen den Urlaub als solche Pause. Aber eigentlich möchte ich im Urlaub am liebsten gar nichts denken, sondern nur die Ruhe in der Natur genießen. Für mich hat Urlaub darin seinen Sinn. Und damit ist es genug. „Halbzeitpause“ dagegen ist eine sehr aktive, eine entscheidende Zeit. Es geht darum, mit Abstand auf das zurückzublicken, was war, und sich zu fragen: Was kann oder muss in der verbleibenden Zeit noch geschehen?

Genauso wichtig für die Seele des Menschen ist es, alles, was gelungen ist, mit Dankbarkeit noch einmal in Ruhe zu betrachten und sich daran zu freuen. Und die Klarheit über Beides stellt sich oft am leichtesten ein bei einem Gespräch mit einem vertrauten Menschen. Der Andere muss nicht mal viel dazu sagen. Nur zuhören. Es braucht auch dafür die stillen Orte. Abseits von dem, was einen drängt und antreibt. Es muss nicht Tage oder Wochen dauern. Wer sich auch nur wenig Zeit dafür nimmt, dafür aber immer wieder, hat mehr vom Leben.

Von Jesus wird in der Bibel erzählt, dass er gelegentlich ganz unvermittelt vom Platz ging. Er verließ einfach das Getümmel der Freunde und der Hilfesuchenden. Er ließ auch einfach diejenigen stehen, die immer was gegen ihn einzuwenden hatten. Früh am Morgen stand er auf und ging an einen einsamen Ort und betete dort. Andere suchten ihn. Doch er nahm sich die nötige Zwischenzeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Das braucht seine Zeit. Immer wieder. Und es braucht Geduld.

Gott hört geduldig zu. Und wenn auch wir genug Geduld aufbringen, werden wir die Antwort vernehmen, und klarer sehen, welche Chancen uns die verbleibende Zeit bereithält.

Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Pfarrer in Aichelberg